US-amerikanische Klaviermarken: von Hunderten Fabriken zu wenigen Namen

Um 1900 gab es in den USA rund 300 Klavierhersteller, 1909 wurden dort etwa 374.000 Klaviere gebaut. Von dieser Industrie ist heute nur ein Bruchteil unabhängig übrig, die meisten historischen Namen gehören inzwischen zu Konzernen oder werden als reine Markenrechte auf Instrumenten aus anderen Fabriken verwendet. Dieser Guide ordnet ein, was mit einigen bekannten Namen geschah, und zeigt dir Quellen, mit denen du eine konkrete US-Marke selbst recherchieren kannst.

Die US-amerikanische Klavierindustrie im Überblick

Drei Punkte helfen dir, eine Marke grob einzuordnen, bevor du überhaupt zu den Quellen greifst:

  • Der Boom um die Jahrhundertwende: Um 1909 waren in den USA etwa 300 Klavierhersteller aktiv, die zusammen rund 374.000 Instrumente pro Jahr bauten, Ausdruck der wachsenden urbanen Mittelschicht und der Popularität von Selbstspielklavieren. Allein in New York listete die Fachzeitschrift Music Trade Review 1901 Dutzende Hersteller, von denen heute die meisten vergessen sind.
  • Konsolidierung im 20. Jahrhundert: Ab den 1900er-Jahren schlossen sich zahlreiche Hersteller zu größeren Konzernen zusammen. Die American Piano Company vereinte unter anderem Chickering und Wm. Knabe & Co., 1932 ging daraus zusammen mit der Aeolian Piano Company und der Weber Piano Company die Aeolian-American Corporation hervor. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 löschte parallel einen Großteil der übrigen kleinen Hersteller innerhalb weniger Jahre aus.
  • Wenige unabhängige Überlebende: Von den großen historischen Namen bauen heute nur noch Steinway & Sons (gegründet 1853) und Mason & Hamlin (gegründet 1854, seit 1996 im Besitz der Brüder Burgett) unabhängig in den USA. Fast alle anderen historischen Markennamen wurden verkauft und werden heute, wenn überhaupt noch, auf Instrumenten aus anderen, oft asiatischen Fabriken verwendet.

Was aus bekannten US-Marken geworden ist

Die Tabelle zeigt an sieben Beispielen, wie unterschiedlich der Weg verlaufen kann, von der Übernahme über den Konzernzusammenschluss bis zur heutigen Fertigung unter fremdem Eigentümer. Ein Strich in der zweiten Spalte bedeutet, dass die Marke seither durchgehend unabhängig produziert.

MarkeGegründetUrsprüngliche Fertigung endetStatus heute

Chickering & Sons

1823

1985

1908 Teil der neu gegründeten American Piano Company, später der Aeolian-American Corporation. Instrumente unter dem Namen Chickering wurden bis 1985 verkauft.

Wm. Knabe & Co.

1837

1982

Ab 1908 Teil der American Piano Company, ab 1932 der Aeolian-American Corporation, die 1982 ihr Werk in East Rochester schloss. Der Markenname gehört seit 2001 dem koreanischen Hersteller Samick.

Emerson Piano Company

1849

1941

1849 in Boston von William P. Emerson gegründet, um 1900 einer der größten US-Hersteller. Die Bostoner Fertigung endete mit dem Zweiten Weltkrieg. Der Markenname wurde danach von der Aeolian-American Corporation weitergeführt, unter der noch bis in die 1980er-Jahre Klaviere mit dem Namen Emerson verkauft wurden.

Sohmer & Co.

1872

1982

1982 vom Zulieferer Pratt-Read übernommen und aus dem Werk im New Yorker Stadtteil Astoria nach Connecticut verlagert. Der Markenname gehört heute ebenfalls Samick.

Baldwin

1862

2001

Nach mehreren Insolvenzen 2001 von der Gibson Guitar Corporation übernommen. Klaviere unter dem Namen Baldwin werden seither in einem Werk im chinesischen Zhongshan gefertigt.

Mason & Hamlin

1854

-

Baut bis heute unabhängig in Haverhill, Massachusetts, seit 1996 im Besitz der Brüder Gary und Kirk Burgett.

Aeolian-American Corporation

1932

1985

Dachgesellschaft mehrerer historischer Hersteller, darunter Chickering, Wm. Knabe & Co. und die vormalige Winter & Company. Bündelte über Jahrzehnte hinweg deren Fertigung, bevor der Konzern in den 1980er-Jahren aufgelöst wurde.

Chickering & Sons

Gegründet

1823

Ursprüngliche Fertigung endet

1985

Status heute

1908 Teil der neu gegründeten American Piano Company, später der Aeolian-American Corporation. Instrumente unter dem Namen Chickering wurden bis 1985 verkauft.

Wm. Knabe & Co.

Gegründet

1837

Ursprüngliche Fertigung endet

1982

Status heute

Ab 1908 Teil der American Piano Company, ab 1932 der Aeolian-American Corporation, die 1982 ihr Werk in East Rochester schloss. Der Markenname gehört seit 2001 dem koreanischen Hersteller Samick.

Emerson Piano Company

Gegründet

1849

Ursprüngliche Fertigung endet

1941

Status heute

1849 in Boston von William P. Emerson gegründet, um 1900 einer der größten US-Hersteller. Die Bostoner Fertigung endete mit dem Zweiten Weltkrieg. Der Markenname wurde danach von der Aeolian-American Corporation weitergeführt, unter der noch bis in die 1980er-Jahre Klaviere mit dem Namen Emerson verkauft wurden.

Sohmer & Co.

Gegründet

1872

Ursprüngliche Fertigung endet

1982

Status heute

1982 vom Zulieferer Pratt-Read übernommen und aus dem Werk im New Yorker Stadtteil Astoria nach Connecticut verlagert. Der Markenname gehört heute ebenfalls Samick.

Baldwin

Gegründet

1862

Ursprüngliche Fertigung endet

2001

Status heute

Nach mehreren Insolvenzen 2001 von der Gibson Guitar Corporation übernommen. Klaviere unter dem Namen Baldwin werden seither in einem Werk im chinesischen Zhongshan gefertigt.

Mason & Hamlin

Gegründet

1854

Ursprüngliche Fertigung endet

-

Status heute

Baut bis heute unabhängig in Haverhill, Massachusetts, seit 1996 im Besitz der Brüder Gary und Kirk Burgett.

Aeolian-American Corporation

Gegründet

1932

Ursprüngliche Fertigung endet

1985

Status heute

Dachgesellschaft mehrerer historischer Hersteller, darunter Chickering, Wm. Knabe & Co. und die vormalige Winter & Company. Bündelte über Jahrzehnte hinweg deren Fertigung, bevor der Konzern in den 1980er-Jahren aufgelöst wurde.

Warum untergegangene US-Marken besonders knifflig sind

Bei aktiven Herstellern wie Steinway & Sons oder Mason & Hamlin ist die Recherche unkompliziert. Bei den übrigen historischen Marken kommen drei Probleme zusammen:

  • Markennamen wurden verkauft, Fabriken nicht: Ein Name wie Knabe oder Sohmer gehört heute rein rechtlich einem koreanischen Konzern, der ihn auf Instrumenten aus eigener Fertigung verwendet. Mit der historischen Fabrik in Baltimore oder New York hat das moderne Instrument nichts mehr zu tun. Der Name allein sagt dir also nichts über die tatsächliche Herkunft.
  • Handelsmarken waren in den USA weit verbreitet: Kaufhäuser und große Klavierhäuser ließen Instrumente unter eigenem Namen in fremden Fabriken bauen, ganz ähnlich wie die im allgemeinen Klaviermarken-Guide beschriebenen deutschen Handelsmarken. Ein unbekannter Name muss deshalb keine eigenständige Fabrik bedeuten.
  • Die Weltwirtschaftskrise löschte auch Unterlagen mit aus: Ein Großteil der kleineren Hersteller schloss zwischen 1929 und Anfang der 1930er-Jahre innerhalb weniger Jahre. Firmenunterlagen aus dieser Zeit sind oft verstreut oder verloren gegangen, überliefert ist häufig nur noch, was zeitgenössische Fachzeitschriften wie die Music Trade Review dokumentierten.

Empfehlenswerte Quellen für die Recherche zu US-amerikanischen Klaviermarken

  • Sweeney Piano: der Herstellerindex: Der American Piano Manufacturers Index von Sweeney Piano listet zahlreiche US-Hersteller mit Fabrikstandort, Produktionszeitraum, verwendeten Markennamen und, wo bekannt, Übernahmen und Fusionen. Für die praktische Recherche einer einzelnen Marke ist das oft die ergiebigste kostenlose Quelle.
  • Blue Book of Pianos: Verzeichnis und Chronik: Das Turn of the Century-Verzeichnis von Blue Book of Pianos beschreibt alphabetisch Hersteller, deren Klaviere zwischen 1889 und 1929 gebaut wurden. Ergänzend dokumentiert die mehrteilige Chronik zur Geschichte amerikanischer Klaviere Gründungen, Fusionen und Produktionszahlen der gesamten Branche.
  • Music Trade Review: die Branche in Originalquellen: Die Music Trade Review war die wichtigste Fachzeitschrift der US-Klavierindustrie, digitalisiert liegen im eLibrary-Archiv des International Arcade Museum über 2.000 Ausgaben von 1880 bis 1954 vor. Für die Recherche einer bestimmten Marke lohnt sich die Suche nach dem Firmennamen in Ausgaben aus der vermuteten Gründungszeit.
  • Smithsonian Institution: Firmenarchive einzelner Hersteller: Für einzelne bedeutende Hersteller bewahrt die Smithsonian Institution eigene Firmenarchive auf. Die Sammlung zu Chickering & Sons etwa umfasst Produktionsregister von 1823 bis 1985 sowie Korrespondenz, Werbematerial und Fotografien. Das ist keine allgemeine Markendatenbank, für die vertiefte Recherche einzelner großer Hersteller aber eine hervorragende Primärquelle.
  • Pierce Piano Atlas: das internationale Nachschlagewerk: Der Pierce Piano Atlas ist das umfangreichste gedruckte Nachschlagewerk der Branche, mit über 12.000 Klaviernamen und mehr als 750 Herstellern samt Seriennummern und Produktionszeiträumen, ausdrücklich auch für US-Hersteller. Für eine tiefere Recherche lohnt sich ein Blick, ältere Auflagen lassen sich teilweise auch über das Internet Archive ausleihen.

Häufige Fragen

Warum gehören so viele historische US-Klaviermarken heute asiatischen Konzernen?

Als viele US-Hersteller in den 1980er- und 1990er-Jahren schlossen oder Insolvenz anmeldeten, blieben oft nur die Markenrechte übrig, kein Betrieb mehr dahinter. Koreanische Hersteller wie Samick kauften solche Namen gezielt auf und verwenden sie seither für eigene Instrumente. Mit der historischen Fabrik hat das moderne Produkt meist nichts mehr zu tun.

Mein Klavier trägt einen US-Markennamen, den ich nirgends finde. Was jetzt?

Prüfe zuerst den Sweeney Piano Manufacturers Index und das Turn-of-the-Century-Verzeichnis von Blue Book of Pianos, beide sind speziell auf solche Fälle ausgelegt. Findest du dort nichts, kann es sich um eine Handelsmarke handeln, unter der ein Kaufhaus oder Klavierhaus Instrumente einer fremden Fabrik verkaufte.

Was bedeutet es für den Wert, wenn eine US-Marke heute nur noch als Name existiert?

Für ein altes Instrument selbst wenig, sein Wert hängt vor allem von Zustand, Klang und Verarbeitungsqualität ab. Wichtig ist nur, bei einem als 'neu' verkauften Instrument genau zu prüfen, wo und von wem es tatsächlich gebaut wurde, wenn der Markenname historisch für eine ganz andere Fabrik stand.

Klaviere von Steinway & Sons, Mason & Hamlin und Baldwin findest du direkt in unseren aktuellen Angeboten.

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